Wiedergefundene Gedichte

Dritter Novemberabend

kurz vor ladenschluß
noch schnell eine tüte
mit knallroten äpfeln
gekauft, dann in

der kalten wohnung
nach post gesucht, im
koffer nach einem blauen
dicken pullover gekramt

während der freund so
zu dir durchs telefon
sprach, wie du danach
mit mir sprachst. den

kurzen tag nichts halbes
& nichts ganzes getan,
meine aufmerksamkeit
wechselte jede sekunde.

viele sätze lang starrte
ich auf eine NO FUN platte
& hatte die zeile WANN
GIBT ES ENDLICH WIEDER

KRIEG im kopf. die
vergangenheit ist nicht
mehr & die zukunft hat
noch nicht begonnen.

dieser raum hier soll
mit leben gefüllt werden.
mit geschlossenen augen
höre ich dir zu &

gehöre nicht mehr zu dir.
© Lothar Reese

Hiergeblieben

HIERGEBLIEBEN
über nacht kein wort
bis das stumme radio
vom leeren bierkasten
kippte mit offenem mund
war ich eingeschlafen
mußte nun zum klo nässe
unter den füßen hoch
gespült kam das getrunkene
die glühbirne knallte
mir schwarz vor die augen
fremde gesichter im
gesicht traumgeschichten
ein gespräch mit mutter
und wieder erfuhr ich
daß die freundin
WEITERGEREIST ist

(aus einem Zyklus)

© Lothar Reese

warten im schatten

spott von der sonne; geblendet
schließe ich für einen moment
die augen: ich werfe ein hand
tuch über das licht, sehe mich

zusammengesunken im schatten
der steine sitzen. am ende
der straße reißen männer den
heißen asphalt auf. da geht

eine blonde frau hin und her
auf dem grad der ehrlichkeit
und meine distanz ist längst
gebrochen, engelsgeduld.

© Lothar Reese

Riß, Oberbaumbrücke

Dieses häufige Verlassenwerden!
Ein Tag weniger, ein Mensch,
gleich zwei Uhren vor dem Haus

und die Spree fließt träge, floß
nie durch Mauern hindurch, es
bleibt die Bereitschaft zur Flucht.

Im Spiegel überprüfe ich meinen
Bart, der mich nicht verändert,
dann übermütige Tanzschritte,

die nur erschöpfen. Das Reden
hat Zeit, nichts ist zu beweinen.
Ich suche dich hinter den Wörtern.
© Lothar Reese

NOCH NICHT VERLOREN

ein fremder personalausweis, uhu,
eine scharfe schere, wörterbücher,
schreibmaterial und rotes licht.

kalte hände ruhen auf der tisch-
platte, blaue augen sehen einen
kahlen baum, glas, die uhrzeit.

meine füße haben mich verlassen;
kein aufstehen mehr, der kopf ist
wie gelähmt: ein wort genügt.

das leben anhalten? faustschläge
hinter der stirn. ein kühlschrank
explodiert. fußspuren im schnee,

aber wo?

© Lothar Reese

KEIN UNFALL IM BAD

wasser schwappt
über die wanne.
po auf dem rand.
füße in der luft.
schere schneidet
ins fleisch.
      wie schön
du bist! eine flasche
rum gekippt und
einen nassen brief
an den spiegel
geklebt. der fön
bläst kalte luft
in die wunden.

© Lothar Reese

pubertäres gedicht

ich war vernarrt
in die schnurrbärte
von nietzsche & zappa
verglich die poster
mit mir im spiegel
& kam
zur bärtigen erkenntnis
 

meine einbildungskraft
war stärker als der
wille zur macht
während frank zappa
einen schamhügel beackerte
& friedrich nietzsche
einen ackergaul umarmte
 

rasierte ich mir
den flaum vom kinn

 

© Lothar Reese

Warnsignal

die reste der revolte
vor dem sommerloch.
nur keine falsche bewegung.
der verlorene glaube
ist auch mit dem rücken
zur wand nicht
wieder zurückzuholen.
und mit der angst vorm
chaos im kopf ist nichts
zu gewinnen. am ende
der lehrjahre: das denken
in watte erstickt.
allein in einer fremden
wohnung: ein eingebildeter
kranker, der nur noch
fliegen am fenster
zerquetscht.

© Lothar Reese

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