Leben. Schreiben. Lesen.
Lotrees/ Zwitschern im Mai (Auswahl)
Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert,
denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.
(Johann Wolfgang von Goethe)
#10:30/ 02.05.2008
Reise geplant.
Mitspracherecht wahr-
genommen. Konfitüre
an den Fingern,
Kind zahnt.
Am Hibiskus eine Schnecke,
im Kasten keine Post.
#11:45/ 04.05.2008
Eine Muschel auf
einer Bank. Es ist
mucksmäuschenstill.
Taube pickt. Eingeritzte
Zeichen entdecke ich,
bevor ich mich erhebe
& wieder gehe
#08:22/ 07.05.2008
Auf der Waage
das Gleichgewicht
verloren. Kuckucks-
rufe von den
Dünen her, eine Brise,
später die Bilanz.
Ein Reisgericht.
#09:12/ 09.05.2008
Schwärmende Ameisen,
Hochzeitsflug. Auf-
gerissener Stoff.
Rundumschläge, rütteln
an einer Tür vor der
Buschwindröschen blühen.
Nachbarzoff.
#14:40/ 13.05.2008
Tiefkühlkost ist
kein Gedicht Aufgetaut
am Tisch der Teig
rotiert über der Tonne
Verpackung wird hervor
geholt der Inhalt
gelesen die Zutaten
#23:35/ 14.05. 2008
Das nächtliche Gebell
eines Hundes
Der Mond wirft
Monster an die Wand
Sand rieselt über das Land
Augendrücken
Schlafmodus
#17:30/ 15.05. 2008
Ans Heck gelehnt
spielt der Chauffeur Jo-Jo.
Kinder balgen sich
um einen Ball.
Ein Chanson verweht.
Hast du Worte, fragt
ein Freak, bewegt
#16:55/ 17.05. 2008
Rascheln im Gebüsch.
Ein Klingelton lenkt die
Aufmerksamkeit.
Zum Vorschein kommt
das Unfassbare,
fliegt auf, nimmt den
abgelenkten Blick.
#23:05/ 21.05. 2008
Den Tag in den Knochen.
Es piept, knirscht,
der Kies,
Schläfen pochen,
der Weg so lang,
der Ruf ungehört,
morgen bin ich krank.
#15:05/ 22. 05. 2008
Small Talk, Imbiss,
die Slotmaschine blinkt.
Wirf Wörter nach,
das Glück ist ein Schalk,
im Nacken ein Knacken,
warte ab, sonst
wirst du gelinkt.
#19:45/ 24. 05. 2008
Die Kehrseite der
Medaille betrachtend,
bitterer Klatschmohn
im Bahnhofsgelände,
eine einzelne Blüte,
winkende Hände,
Rauch an der Tüte.
#20:26/ 25. 05. 2008
Hoher Ton signalisiert
mobile Kommunikation.
In der Tasche steckt
die Flasche. Ich hock
am Trockendock, mit mir
wartende Arbeiter,
ausgepumpt.
*Lotree ist eine neue, sich entwickelnde Gedichtform. Ein Lotree besteht aus sieben kurzen Versen und enthält insgesamt nicht mehr als 140 Zeichen. In einem Lotree kommunizieren Natur – Mensch – Technik in einem Augenblick miteinander. Lotrees entstehen im Rahmen von Twitter.
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| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Lotree am 2. Juni 2008 um 16:19 veröffentlicht und unter Allgemein abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |



vor 1 Jahr
Und warum nicht gleich ein Haiku? Ist das die moderne Form? Oder eine Europäische? Gibt es einen festen Rythmus der Laute? Ich mags in jdem Fall…
vor 1 Jahr
Hallo KMTO, mit den Silben möchte ich das nicht so streng sehen wie beim Haiku. 140 Zeichen sind hart genug, das ist im Grunde schon eine ähnliche Beschränkung. Hier kommt zum traditionellen Bild aus der Natur immer auch die Technik dazu und wenigstens ein Reim sollte den Snapshot (das ist es auch) zusammen halten. Ist aber keine Pflicht. Da es immer ein Tweet ist, ist es auch immer ein bildhafter Augenblick in meinem Leben, der lyrisch rüberkommen soll/so kommuniziert. Sieben Verse sind es wegen der “sieben Öffnungen der menschlichen Wahrnehmungsorgane im menschlichen Schädel.” Mehr Erklärungen zur Zahl Sieben auf Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Sieben). Gruß Lotree
vor 1 Jahr
Schöne Idee, diese Lotrees. Mich hat Twitter zu “twaikus” inspiriert, also Haikus, die auf Twitter veröffentlicht werden.